Im Gespräch mit der Schweizerin Selina Gasparin

06.10.2007 Sam Brown
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Selina GasparinUm das neue Qualifikationssystem der IBU gibt es bisher einige Diskussionen. Ganz hart wird diese neue Regelung allerdings die Schweizerin Selina Gasparin treffen. Im letzten Jahr als erste Schweizerin im Weltcup gefeiert, dürfte sie den Großteil der diesjährigen Weltcups aufgrund ihrer Ausbildung verpassen. Wir haben die 23-jährige nach den Qualifikationsregeln, ihrer Ausbildung und dem Biathlon-Sport gefragt.

Selina, in letzter Zeit hört man viel über das neue Qualifikationssystem für den Weltcup. Dir kommt das System überhaupt nicht entgegen, oder?
Nein, gar nicht. Ich bin im schweizerischen Zollskiteam und mache gerade eine Ausbildung als Grenzwächterin. Die Ausbildung geht immer über ein Jahr, von Januar bis Weihnachten. Daher habe ich meine Berufsprüfung auch vor Weihnachten.

Pünktlich vor Weihnachten finden die ersten Weltcups statt und Du bist nicht dabei?
Theoretisch wäre mit Kontiolahti eine Weltcup-Station möglich, aber da müsste ich sehr viele Punkte sammeln, um mich für die Januar-Weltcups zu qualifizieren. Das ist fast unmöglich.

Gasparin auf der Strecke in Antholz Hast Du Dir dennoch ein Ziel für den kommenden Winter gesetzt?
Ich hoffe, bis zum Ende der Saison gute Leistungen zu bringen und auch bei den Welt- und Europameisterschaften möchte ich gute Resultate einfahren. Für mich fängt die Saison aber eh erst im Januar an, mit den ersten beiden Europacups des neuen Jahres.

Wie schaut es mit einem Start bei den letzten Weltcups aus?
Das wäre utopisch, zu denken, ich könnte nach Russland oder nach Südkorea fahren. Selbst vom Herrenteam werden wohl nur zwei Herren auf diese Weltcups geschickt, denn auch unsere finanziellen Möglichkeiten sind begrenzt. Vielleicht ist ein Start in Oslo möglich, aber das werde ich noch sehen.

Wieso bist Du im Gegensatz zu den Herren auch bei der DM in Altenberg an den Start gegangen?
Die Frauen trainieren getrennt bei Markus Segessenmann. Es sind eigentlich zwei Frauen im Team, neben mir gibt es auch noch Caroline Kilchenmann. Normalerweise wäre sie auch angetreten, aber sie hat gerade ihr Jura-Examen. Die Herren aber waren schon bei Wettkämpfen in Östersund und Österreich. Daher sind sie nur in Oberhof mitgelaufen und dann wieder nach Hause gefahren.

Warum warst Du nicht in Österreich am Start?
Österreich verfügt nicht über so viele Biathletinnen, daher wäre dort kein Vergleich möglich gewesen. Ich denke ganz einfach, dass man in Deutschland den besten Vergleich zur Weltspitze hat und sieht, wo man in etwa steht.

Bist Du mit Deinem Auftritt bei den Wettkämpfen in Deutschland zufrieden?
Mit meinem ersten Wettkampf war ich schon zufrieden, vor allem da ich allgemein weniger trainieren konnte. Mir fehlt ganz einfach die Basis für eine gute Leistung. Im Dezember 2006 war ich noch im Übertraining, dann startete sofort die Schule und ich hatte zehn Monate, in denen ich nicht mal mehr täglich trainieren konnte. Am Anfang ging es: Im Januar, Februar und März konnte ich noch von meinen früheren Reserven zehren. Aber dann waren auch diese aufgebraucht. Daher ist es schön, nun schwarz auf weiß zu sehen, wo man steht.

 Wie muss man sich Deinen Ausbildungs-Alltag vorstellen?
Die Schule startet sieben Uhr am Morgen und dann habe ich erst wieder ab 16 Uhr frei. Aber statt wirklich Freizeit zu haben, muss ich lernen. Wir schreiben wöchentlich zwei Prüfungen über den Stoff der Woche. Die sollte ich auch zum Großteil bestehen, sonst stehe ich irgendwann vor dem Nichts.

Freizeit ist bei Dir also quasi gar nicht vorhanden?
Nein, Freizeit gibt es bei mir derzeit so gut wie keine. Aber dieses Jahr ist ein Opfer, das ich bringen muss und will. Matthias Simmen ist auch beim Zoll und ich denke, wir haben hier das beste Los gezogen. Nach der Ausbildung arbeiten wir gerade einmal drei Tage im Monat und fürs Trainingslager bekomme ich derzeit auch meist eine Woche pro Monat frei.

Gasparin am Start in AltenbergHat man denn bei all dem Stress noch die nötige Motivation fürs Training?
Hmmm…das ist schwer. Man muss sich das so vorstellen: Wenn ich acht Stunden an der Grenze stehe, mit einem vier Kilogramm schweren Gürtel, dann habe ich danach nicht unbedingt noch Lust, zu trainieren. Mir tut der Rücken weh und durch all das Stehen bin ich eigentlich relativ fertig.

Was ist in solch einem Gürtel drin?
Handschellen, Pfefferspray, Taschenlampe, Schlagstock, Pistole und Munition.

Leistungsmäßig wirst Du also in diesem Jahr aufgrund der Ausbildung nicht zugelegt haben?
Das wohl kaum. Klar ist es schade um das Jahr, aber es ist die beste Lösung gewesen. Vier andere Jungs sind noch bei der Armee, aber das sind nur Halbtagsstellen. Das heißt, sie bekommen nur die Hälfte unseres Lohns und müssen dafür sogar noch länger Dienst leisten. 

Was willst Du nächstes Jahr – ohne Ausbildungsstress – als erstes in Deiner Freizeit machen?
Im nächsten Jahr will ich einfach mal ans Meer fahren und die Seele baumeln lassen. Wenn ich jetzt mal Urlaub habe, dann muss ich allmöglichen Kram erledigen und bin meist nur zu Hause. Mal wieder so richtigen Urlaub machen, das wünsche ich mir. Wenn ich jetzt Freizeit habe, dann bin ich meist viel zu müde, um auszugehen oder allzu viel zu machen. Da schlaf ich lieber. (lacht)

Welche Ziele hast Du Dir für die Zukunft gesetzt, wo siehst Du Dich in zehn Jahren?
Das nächstes Ziel ist Vancouver, die Qualifikation dafür zu schaffen ist vorerst das Wichtigste für mich. Aber die Zeit bis dahin vergeht so schnell, da muss ich mich vielleicht doch eher auf Sotschi konzentrieren. Ich hoffe, dass ich in zehn Jahren noch Biathlon mache. Daher habe ich dieses Jahr ja auch geopfert, das ist eine langfristige Investition. Aber die Erfolge müssen natürlich kommen.

Letzte Saison warst Du die einzige Schweizerin im Weltcup. Kannst Du Dir eine Schweizer Damenstaffel in der Zukunft vorstellen?
Eine Staffel werde ich sicher nicht mehr erleben. Neben Caro und mir kommt nun zwar auch meine Schwester nach, aber das reicht dennoch nicht, dass wir mal im Weltcup gemeinsam starten.

Im Ziel: Selina GasparinWie schaut es überhaupt bei Euch mit dem Nachwuchs aus?
Erst mit dem Jahrgang 89/90 hat man begonnen, den Nachwuchs an Biathlon heran zu führen. Drei Jahre wurden die Sportler jetzt betreut, aber zwischen denen und unseren Senioren ist eben leider nichts. Meine Schwester Elisa ist derzeit auch im C-Kader, aber dort kann man davon ausgehen, dass noch ein, zwei Mädels aussteigen und dann kommt vielleicht nur eine in den Weltcup.

Wie schätzt Du Deine jüngere Schwester im Vergleich zu Dir ein?
Ich denke, sie hat im Biathlon sicher bessere Chancen als ich. Ich mache erst seit drei Jahren und einem Monat den Sport, sie dagegen hat eher angefangen als ich. Dadurch, dass sie es in so jungen Jahren lernt, ist sie auch besser in einigen Aspekten. In sieben Jahren wird sie eindeutig auf einem besseren Niveau laufen als ich.

Dann könnte es doch vielleicht wirklich eine Gasparin-Staffel geben?
(lacht) Nein, dafür fehlt noch eine Schwester. Meine zweite Schwester ist zehn Jahre jünger als ich, aber wir versuchen gerade, auch sie zum Biathlon zu überreden.

Dann viel Glück dabei und besten Dank!