Interview – Ein Amerikaner als derzeit weltbester Biathlet

21.12.2009 Viktoria Franke
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Tim Burke Es war ein historischer Moment, als gestern der IBU-Renndirektor Franz Berger Tim Burke das Gelbe Trikot des Gesamtweltcupführenden überstreifte. Das erste Mal in der Geschichte des Sports ist ein US-Amerikaner der derzeit beste Biathlet der Welt.

Nach der Siegerehrung machte sich das Team auf den Weg Richtung Hotel, um die letzten Dinge für die Weihnachtspause zu packen. Es wird dennoch ein paar Tage dauern, eh man das historische Resultat verarbeitet hat, wie in einem Gespräch mit Burke, High Performance Director Bernd Eisenbichler, Cheftrainer Per Nilsson und USBA Executive Director Max Cobb klar wurde. 

Tim, wie würdest Du Deinen derzeitigen Zustand beschreiben?
Glücklich und müde!  Natürlich bin ich total glücklich, aber ich denke, es ist mir alles noch nicht richtig klar geworden. Das ist ein großer Erfolg nicht nur für mich sondern auch für den Rest der Gruppe. Ich muss mich bei allen bedanken, die diesen Moment ermöglicht haben! Vor allem auch den ‚kleineren‘ Menschen hinter den Kulissen wie die Techniker, die mich bisher mit unfassbar guten Skiern versorgt haben. Dieser Tage ist es entscheidend, wettkampffähiges Material zu haben. Oder auch unser Sportpsychologe Ross Flowers, der mir wirklich geholfen hat, meine mentale Stärke am Schießstand zu verbessern.

 Wusstest Du auf der wichtigen letzten Runde, wo Du liegst?
Ja, ich war über alles informiert. Ich habe nur noch gelb gesehen nach meinem letzten Schießen. Während ich noch in der Strafrunde war, habe ich schon geschaut, wo Fourcade war. Dank all meiner Mannschaftsmitglieder auf der Strecke war ich über die Zeiten informiert und bin quasi über die Trasse geflogen, weil sie so laut geschrien haben. Ich kanns kaum erwarten, in Oberhof in Gelb zu starten. Von mir aus kann es gleich morgen losgehen!

Tim BurkeDu hast einen langen Weg hinter Dir seit Du mit Biathlon begonnen hast. U.a. kamen da auch eine Hüftoperation und Pfeiffersches Drüsenfieber auf Dich zu.
Das ist wahr, es war nicht unbedingt ein einfacher Weg für mich. Aber ich denke diese beiden Einschläge waren auch wichtig für mich auf meinem Weg bis hierher. Ich hatte 2002 eine große Hüftoperation und wusste nicht, ob ich danach noch mit dem Biathlon weitermachen könnte. Und das Drüsenfieber hat mich die gesamte 2004er Saison außer Gefecht gesetzt.

Könntest Du ein wenig detaillierter über diese beiden Ereignisse sprechen?
2002 hatte ich große Probleme mit meiner Hüfte und ich konnte nicht ohne Schmerzen trainieren. Kein Rennen, kein Rollerski, nur ein wenig Radfahren ging. Es war ein andauernder Schmerz und ich habe viele Spezialisten aufgesucht, aber keiner konnte mir helfen. Dann habe ich schließlich einen in Nashville, Tennessee gefunden, der ein seltenes Problem feststellte. Sie hatten gerade eine neue Operationsmethode eingeführt, aber er konnte mir nicht versprechen, dass ich danach weiter Biathlet sein würde. Das war für mich wirklich eine harte Zeit. Und dann hat mich das Pfeiffersche Drüsenfieber erwischt, als ich die Saison 2004 beginnen wollte, was wieder in einer längeren Pause resultierte.

Seit dieser Zeit bist Du in den Ergebnislisten kontinuierlich nach oben gerutscht.
Wie würdest Du das erklären?
Ich denke, der wichtigste Faktor dabei ist unser Trainer Per Nilsson. Bevor Per kam, hatte ich noch keinen Weltcuppunkt zu Buche stehen. Die erste Saison mit ihm war ich schon auf Platz 25. Das erklärt alles.

Wie hat sich Dein Training unter Per verändert?
Bis ich ihn getroffen habe, dachte ich, ich würde hart trainieren. Aber erst als ich ihn kennengelernt habe, lernte ich auch, wie hartes Training wirklich aussieht. Er hat sowohl die Quantität als auch die Qualität gesteigert und hat extrem gute Augen für die Technik im Schießen und auf der Strecke. Wenn ich mir jetzt Videos von vor vier Jahren ansehe, sehe ich einen klar erkennbaren Unterschied.

Per Nisson Per, wie ist Dein Eindruck von Tims Karriere bis zu dem heutigen Tag?
Per Nilsson: Es war für ihn auf keinen Fall ein einfacher Weg bis zu diesem Zeitpunkt. Wir hatten unser erstes Trainingslager zusammen im Juli 2006 und ich habe sofort erkannt, dass Tim nicht nur 100 Prozent, sondern 120 Prozent geben will. Er wollte neue Grenzen erforschen und neue Dinge lernen. Seine Hingabe zu unserer neuen Trainingsphilosophie über einen langen Zeitraum hinweg hat ihn so gut gemacht, wie er jetzt ist.

Tim, wie würdest Du diese neue Trainingsphilosophie beschreiben?
Man kann das nicht wirklich beschreiben und auch keinen Unterschied zu anderen festmachen. Es ist natürlich ein europäischer Trainingsstil. Der Großteil unseres Teams kommt aus Europa und das scheint mir gut zu tun. Nicht nur mir, sondern dem ganzen Team. Ich bin mir sicher, dass ich vom besten Team der Welt umgeben bin und verglichen mit anderen Mannschaften haben wir keine Einschränkungen zu verzeichnen, nur weil alle Mitglieder woanders herkommen.

Du bist in Lake Placid, NY aufgewachsen. Bekommt man dadurch eine spezielle Verbindung zum Olympischen Geist?
Mit Sicherheit, den egal wo man hingeht oder hinschaut, sieht man die Olympische Geschichte von Lake Placid. Alles erinnert einen an diese Spiele und wie für alle anderen Athleten auch werden die Spiele zu Deinem größten Traum.
 
Bernd, Du bist für viele Jahre bereits im Team. Hättest Du je gedacht, dass so etwas möglich ist?
Bernd Eisenbichler: Ich habe die Fortschritte über die Jahre hinweg verfolgt und gesehen, dass das Team Richtung Weltklasse strebt. Dieser Moment ist für das gesamte Team ein unglaublicher, denn wir haben viele Jahre darauf hin gearbeitet. Das Gelbe Trikot nach diesen drei harten Weltcupwochen zu haben, ist einfach unfassbar. Da ich selbst Deutscher bin, wird es mich natürlich unglaublich stolz machen, Tim in Oberhof in Gelb zu sehen!

Max Cobb Max, wie hat der US-Verband es geschafft, solch ein wettkampffähiges Team zusammenzustellen?
Max Cobb:
Ich denke, zwei Faktoren waren dafür entscheidend. Wir haben TD Banknorth als Sponsor akquirieren können und sie haben in uns und unsere Vision geglaubt. Sie haben die Athleten 2004 in Fort Kent, Maine zum Biathlon-Weltcup kennengelernt und wurden davon inspiriert. Das war wirklich visionär, denn damals waren wir auf Platz 15 oder 17 im Nationencup und hatten seit einer Dekade kein Podium mehr erreicht. Der zweite Faktor ist die Unterstützung durch das Olympische Komitee der USA. Sie haben nach den Spielen in Turin 2006 unser Potenzial erkannt und uns noch mehr unterstützt. Das beste Team kann nicht ohne die nötige Unterstützung überleben und diese Hilfe hat uns wirklich dabei geholfen, den Teamhintergrund zu formen, den die Athleten brauchten.
 

Wirklich feiern werden die Amerikaner diesen Erfolg vorerst nicht. Gestern machten sich die Athleten und Betreuer auf in Richtung Heimat oder Kurzurlaub, Tim wird Weihnachten mit Freundin Andrea Henkel in Oberhof verbringen. „Dieses Jahr ist zu entscheidend, um diesen zusätzlichen Reisestress auf sich zu nehmen. Stattdessen werde ich ein wenig die Bedingungen in Oberhof nutzen und mich auf den Weltcup vorbereiten und mit Andrea Weihnachten feiern", erklärt Burke.

Weiße Weihnachten sind schön. Aber gelbe anscheinend noch schöner…